HomeLinksContactImprint

Texts




Pressetexte





click here: HANIX-Magazin
das Interview ist auf S. 46 - Seitenzahl bitte in Suchleiste eingeben


SPACES Interview von Marina Gärtner mit Kerstin Schaefer 2104
SPACES ist der erste Städteführer für Deutschland, der sich speziell der kulturellen Szene abseits einschlägiger Museen und Galerien widmet. 166 Kunsträume und Offspaces aus 28 Städten werden vorgestellt.

Erzähle uns kurz etwas zu Deiner Person.

Meine Person ist nicht so wichtig, das was ich mache ist wichtig, weil das für die anderen ist. Ich kommuniziere etwas.
Ich glaube an die Kraft von Kunst und ihren Äußerungen, denke Kunst ist eine Grundpower, sowas wie die junge Schwester der Natur und eben vom Menschen gemacht. Sobald der Anteil an Herzblut und Hingabe in einer Arbeit stimmt, kriegt das jeder mit, der vor der Arbeit steht.
Bisher bin ich als Mensch noch etwas zu bierernst für meinen Geschmack – da gibt mir die Kunst Freiheit. Das ist genial. Und die Menschen, die geneigten, kriegen das mit. Die Sachen die ich mache, haben Humor und Freiheit und auch Liebe in sich.
Ich stecke da was rein in meine Arbeiten, eine Energie, die eigentlich jeder in sich hat. Die wird im Werk gebündelt und irgendwie magisch potenziert –ich wüsste auch gern wie das genau sich abspielt- und das ist dann spürbar. Das steht über Bildung und Mode, jeder der hinspürt kriegt das mit. Es ist unglaublich. Natürlich mach ich auch manchmal Mist, aber der verlässt das Atelier nicht!

Worum geht es Dir bei deiner Arbeit?

Ich will sowas wie ein Sprachrohr sein für eine Idee, für eine Atmosphäre, für gute Energie, die uns Menschen bewegt. Ich will Kraftquellen verdichten, die dann 200 Jahre oder mehr vor sich hin leuchten. Nicht weniger.
Die Form ist vielfältig, aber das ist der Grundgedanke – ob ich male, Räume baue, auf der Straße für Leute zeichne oder eine museale Ausstellung konzipiere.
Thematisch kreise ich um Freiheit und Wege zur Freiheit, um „core values“ menschlichen Denkens, Erlebens und Handelns und verpacke das in Tiergemälden, die von Typo überflutet sind, in Lichtskulpturen aus von innen bemaltem Glas mit oder ohne Begriffen drin, ich arbeite mit Chiffren, Kürzeln, Fragmenten, malerisch und graphisch und positioniere diese im Raum. Der Zufall und der Ort sind für die Präsentation mit konstituierend. Die Arbeiten an sich kommen manchmal großspurig und grob oder auch oldschool-malerisch daher, sind aber subtiler und vielgestaltiger, als man auf den ersten Blick glaubt, das merkt man beim längeren Hinsehen, das sagen mir auch viele, die Arbeiten von mir haben. Das freut mich.
Überdosis und Überlagerung und Metaphern sind ein Thema. Punk und krasse Farben, das seit Jahren, die aus dem Schwarz hervorleuchten, etwas theatralisch.

Du prägst aktiv die Kunstszene in Stuttgart mit und bist sehr gut vernetzt. Ist es für einen Künstler wichtig, im OFF wie sowohl im ON präsent zu sein?

Beides wär gut!

Auf welche Probleme stößt Du bei der Arbeit von FUKS?

Wir sind die Freien Unabhängigen Künstler Stuttgarts (FUKS), ein offener Kreis, kein Verein oder so, der sich seit 2011 regelmäßig trifft, und das ursprünglich aus der Not heraus, keinen Schaffensraum (Ateliers, Wohnateliers) und auch kaum Anerkennung der Notwendigkeit einer Freien Künstlerischen Szene in der Stadt ausmachen zu können. Wir hatten festgestellt, dass die meisten von uns allein ein halbes Monatseinkommen für Ateliermieten aufbringen müssen, was wir arg ungeschickt finden, da Stuttgart mit der Schaffung von gewolltem & gefördertem Atelierraum viele gut ausgebildete Künstler halten und sogar von anderswo anziehen könnte. Wir haben eine 1 A Kunst-AKA hier und manche ehemalige Exil-Baden Württemberger wie ich, die auswärts studiert haben, wollen jetzt gern die Stuttgarter Szene beleben und den belegten Abwanderungsprozess von Kreativen leibhaftig stoppen.
Stuttgart gilt als künstlerisch unattraktiv. Wir glauben: Die Stadt kann mithilfe von uns und einfachen, nicht sehr kostspieligen Raumfördermaßnahmen, viel Kapital aus unserer Kreativität schlagen und wir sind auch bereit, da mitzumachen, weil es allen dient. Dafür setzt sich FUKS seit knapp 4 Jahren intensiv ehrenamtlich ein.
Das war und ist die Hauptsorge – Stuttgart wacht langsam auf und die neue Kulturamtsleiterin Frau Dr. Schneider-Bönninger begegnet uns wach und mit viel Gespür und offenem Herz und Ohren. Das war aber auch Zeit!
Wir würden gerne Künstlerviertel schaffen, Atelierhäuser, z.B. in Liegenschaften der Stadt Stuttgart oder in Liegenschaften von Raumsponsoren in den weniger schicken Vororten, die wir dadurch positiv beleben können. Das würde auch den Dialog mit den Menschen vor Ort beinhalten, durch Werkstätten, die wir betreiben, angegliederte Ausstellungsräume, Bürgerbegegnungen bei offenen Ateliers, Kunstgesprächen, künstlerischen Stadtführungen, gemeinsamer kreativer Stadtentwicklung etc.,
Kunst und Bürgerschaftlichkeit sind dicke Freunde! Wir wünschen uns unsere Stadt Stuttgart (immerhin eine Landeshauptstadt eines nicht völlig armen Bundeslandes) als eine lebendige, kreative und inspirierte Stadt, die innen und außen gut funktioniert – dazu gehört die Förderung der eigenständigen Aktivität einer gesunden freien Szene Bildende Kunst – nicht nur die Anerkennung von Kreativwirtschaft und Hochkultur.

Wieso habt Ihr ein Netzwerk für Bildende Kunst in Stuttgart gegründet?

Siehe oben. Und weil wir schnell gemerkt haben, wie gut es ist, im großen Kreis von Profis zusammen am runden Tisch zu sitzen und gemeinsam Aktionen, Ausstellungen und Visionen auszuhecken und zu realisieren. Wir interessieren uns als Bildende Künstler für alle verwandten Künste und arbeiten oft synergetisch mit den anderen Sparten zusammen. Das hat sich, seit wir uns zusammensetzen, regelrecht potenziert.

Wie läuft die Zusammenarbeit in der Stadt?

Es wird seit 2014 eindeutig besser, auch wenn noch viel zu verwirklichen ist, um einigermaßen vergleichbar gut da zustehen (ich will hier nicht aufwiegeln, aber man muss nur in der überregionalen Presse nachschauen wie attraktiv Stuttgart in Sachen künstlerische Szene und Flair ist - Düsseldorf und München, auch Berlin sehen uns als Entwicklungsland in puncto kreative Attraktivität…) wir arbeiten hart und sind uns grün und lernen unsere Qualitäten einzubinden. Wir haben was zu geben und die Stadt ist sich dessen bewusst und will das auch zunehmend nutzen.

Wo liegt Deiner Meinung nach der Unterschied zw. Off-Space und klassischer Galerie?

Ein Offspace ist selfmade oder eben friendmade, bietet viel Raum für Gestaltung, Experiment, Mitbestimmung und hat wenig harte Strukturen, ist allerdings auch im schmerzhafteren Sinne nicht sehr marktorientiert – aber oft eine Bastion echter Avantgarde, Erprobung und Freiheit!
Eine Galerie ist ja eher marktorientiert, auch wenn das nicht auf dem Flyer steht und untersteht harten Bedingungen - und ist, wenn man fair und partnerschaftlich gemeinsam unternehmerisch zusammenarbeitet ein sehr guter Ausgangpunkt von erfolgreicher Zusammenarbeit und Eroberung des Marktes.
Galerien sind für Künstler im Verlauf der Karriere meist Stufe 2 nach dem Ausstellen in Offspaces, obwohl ich glaube, dass die coolen Künstler unter uns immer wieder Offspaces bespielen & eröffnen werden bzw. mit Arbeiten versehen, einfach, weil ein Offspace eine wunderbare Form ist und wir alle die dort vorhandene FREIHEIT lieben, brauchen und gestalten wollen.

Was denkst Du – warum engagieren sich Leute überhaupt und stecken Geld & Arbeit in solche Projekte?

Weil sie etwas Wesentliches kommunizieren wollen. Weil sie an ihre Arbeit glauben. Weil sie an die Menschen glauben.

Gibt es das OFF überhaupt noch?

Ja, klar! An jeder guten Ecke, an der sich Enthusiasten herumtreiben. Gottseidank auch bei uns!

Wie hat sich die Szene in den Jahren entwickelt?

Mh. Ich glaube, es geht in Wellen, Not und Überfluss, Dekadenz und Dringlichkeit im Leben wie im entsprechenden künstlerischen Ausdruck sind immer zyklisch unterwegs. Ich bin erst seit knapp 8 Jahren in Stuttgart, lieber fragst Du die ehemaligen Betreiber von „Hermes und der Pfau“ – dem wunderbarsten Space, seit ich Stuttgart kennengelernt hatte.

Was denkst du, wie es weitergeht? Wird es Offspaces immer geben?

Ja!

Kennst Du Künstler die Off-Spaces bewusst ablehnen – wieso?

Es gibt alles, manche sind vielleicht Senkrechtstarter gewesen und haben eine Stauballergie – ich glaube allerdings, jeder, der gerne anpackt und das Echte mag, liebt seine Eckkneipe und seine Offspaces.

Kann man in der Offspace-Szene auch versumpfen?

Könnte man, denn man kann in allem versumpfen. Wahres, treffendes, schlickeriges Wort.

Schafft man eine Balance?

„Man“? Ich habe das vor. Ehrlicherweise muss man sagen, dass sich für einige von uns der Traum vom Leben mit und durch Kunst anders oder noch nicht verwirklicht hat, als gedacht. Ich arbeite seit 2010 ohne Galerie – ich würde gerne mit Reinhard Hauff zusammenarbeiten. Oder mit Hammelehle und Ahrens. Ich hoffe, die lesen das hier.

Was macht für Dich den Reiz aus, in Offspaces auszustellen & zu arbeiten?

Das Frische und das Ehrliche, das Gemeinschaftliche und das Freudige. Manche würden sagen, es ist eher spielerisch – das ist natürlich auch schön – Aber als Profi will ich auch den GROSSEN ERNST auf die Bühne bringen!

Ist es nicht anstrengend immer auf die gleichen Probleme zu stoßen – (keine Fördergelder, Räume nicht optimal,…)?

Immer Gleiches wäre echt anstrengend. Das vermeide ich.

Gibt es einen Unterschied bei der Zusammenarbeit mit großen Institutionen oder Galerien im Vergleich zu Off-Spaces? Mehr Freiheiten?

In den großen Institutionen, die fair sind, gibt es ein Künstlerhonorar. Das ist auch angemessen. Und oft bitter nötig!
Dazu hat man eben externe Kuratoren, was herrlich herausfordernd und professionell ist – und intellektuell anspruchsvoll und karrierefördernd.
Man hat ein Aufbauteam!
Wenn die Galerie/das Museum weiß, dass man gut ist hat man auch da Freiheit! Darauf freue ich mich noch in meiner Karriere, soweit bin ich nämlich nur manchmal gewesen bisher, dass man alles liebevoll um mich herum arrangiert und für mich macht und meine Arbeit in ein gutes Licht stellt und kommuniziert.

Kuratierte Ausstellungen (das kann ja auch im Offspace gegeben sein) beleuchten Dein Werk eben besonders, man gibt sich in die Hände des Kurators und dieser eröffnet neue Sichtweisen. Meist erreicht man auch mehr Leute. Ich sehne mich danach! Im Offspace ist aber oft die Kennerdichte unvergleichlich hoch, das ist auch genial. Selfmade Ausstellungen sind super und haben einen unvergleichlichen Charme.

Wichtig ist mit folgende Idee, die beides zusammendenkt, gerade in Bezug auf Stuttgart, das gilt aber natürlich allgemein für Kooperationen von etablierten Häusern mit Offspaces:
Ich finde, ein Museum, eine große Galerie oder ein Kunstverein geht gut Hand-in-Hand mit einem flankierenden Offspace! Diese Idee trägt.
Das wird zurzeit vom Würtembergischen Kunstverein in Stuttgart mit einem integrierten Raum praktiziert. Dazu hoffen die Bürger und Künstler auf eine künstlerische Zukunft des an den WKV angegliederten Kunstgebäudes (goldener Hirsch) am Schlossplatz in Stuttgart, laufnah zum Kunstmuseum Stuttgart und zur Staatsgalerie – als Schaufenster zeitgenössischer Kunst mehrerer Sparten im Herzen der Stadt, die sich mittlerweile rundherum als Kunststadt begreifen lernt und ihr Licht nicht mehr so unerträglich unter den Scheffel stellt.
Das wäre auch ein Ort für eine veritable Stuttgarter Sommerakademie, für ein Kunstfestival und ggf. eine Biennale mit spannend-ungewöhnlichem Schwerpunkt, ggf. in Allianz mit Architektur, Design und Wissenschaft. Wohlkuratiert!
Die benachbarten Kuratoren der umliegenden großen Häuser und dringend erforderlichen lokalen Kunstkritiker (wir bräuchten auch ein Stadtstipendium für Kuratoren und Kunstkritik und eine bessere kulturelle Berichterstattung in den Lokalmedien!) könnten die kreativen und offenen Geschehnisse im Kunstgebäude den Bürgern und Gästen klar vermitteln, Kunst wird endlich Bestandteil des erfolgreichen Stadtmarketings und das Kunstgebäude ein Ort der Begegnung zwischen Stadt und Protagonisten der Freien Szenen – ohne Eintritt! Am liebsten noch mit je einem Raum für Bildende Künste, Sprache, Tanz, Film, Performance, Synergien, Werkstätten für Kinder -die von Künstlern innerhalb von kuratierten Ausstellungen geleitet werden (siehe Whitechapel Gallery, London)- und mit Pressestüble, Café und Kommunalem Kino.

Wie sieht die Szene in andern Städten aus? Kann Stuttgart mithalten?

Es ist schmerzlich – Stuttgart hinkt noch arg hinterher, aber es wird besser – es gibt so viele Kunstkenner hier und Künstler. Es muss klappen.

Stuttgart als Kunstort? Als Kulturregion? Was hat die Stadt zu bieten?

Stuttgart ist Kunstort. Sie bietet eine hervorragende Kunstakademie, Schloss Solitude, das Künstlerhaus, den WKV, die Kunststiftung BW, das Kunstbüro, gute Museen, eine Handvoll gute Galerien und jede Menge kunstsinnige Bürger. Die Freie kreative Szene ist zwar noch chronisch unterdrückt und strukturell unterversorgt, aber das kann sich durch das Hören des Gemeinderats auf die Sachkundigen Bürger (Kunst) verbessern. Der OB Fritz Kuhn und die Kulturamtsleitung Frau Dr. Schneider-Bönninger haben gezeigt, wie gutes Zuhören geht, das Handeln stimmt auch, von der Tendenz her.
Die kulturelle Bildung hat sich die Stadt auch, klug wie sie ist, noch größer auf die Fahnen geschrieben, da können gute Künstler eingebunden werden und damit in die Lage versetzt werden, ihr Wissen und denken und Können gut und nachhaltig weiterzugeben – Künstler sind auch in der Bildung geeignete Multiplikatoren!
Wir sind weit über 1000 akademisch ausgebildete und motivierte, kommunikationsvorantreibende Bildende Künstler allein hier in der Stadt und wir brauchen das Vertrauen, günstige Ateliermieten und ein Wohlwollen der Stadt – den Rest schaffen wir schon selbst, um Stuttgart zu bereichern. Die Stadt hat sich UND uns zu bieten, das schafft Raum und Gestaltungsfreiheit – und kulturelle Identität.

Wann ist ein Künstler erfolgreich?

Wenn er ein Künstler-Künstler ist, also echte Rohdiamanten scheißt.
Und wenn das bemerkt und kommuniziert wird und Leute echt bereichert.
Wenn er Gutes schafft.

Stuttgart, den 27. Mai 2014

SPACES
Marina Gärtner
Deutscher Kunstverlag Berlin

März 2015
392 Seiten mit 242 farbigen Abbildungen und Karten
11,5 × 18,5 cm, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-422-07310-4
9,90 €





Der Tanz der Hyäne-Kerstin Schaefer,"terra incognita" Magazin, Palermo, 2012


Ein Text von Valentina Di Miceli

Zitat:

Für die Tugend des großen Dämons (das ist die Liebe)
verbindet sich mittels des Geistes die Seele mit dem Körper,
mittels der Seele verbindet eine davon getrennte und göttliche Kraft den Geist
und mittels einer mehr oder weniger großen Anzahl
dazwischen existierender Wesen
sind die Dinge des Universums verbunden
und eines mit dem anderen verkettet.

Giordano Bruno

Das Abendland scheint stolz auf die Denkweise zu sein, die die Natur unterwirft, als ob wir in einer feindseligen Welt lebten, in der alles, was für uns notwendig ist, wir einer missgünstigen und uns feindlich gesonnenen Ordnung der Dinge entreißen müssten.
Im Leben in der Stadt richtet der Mensch natürlich seine ganze geistige Auffassungsgabe auf sein Leben und seine Werke aus und schafft so eine Trennung zwischen sich und der universellen Natur in deren Schoß er lebt.
In Indien dagegen war der Gesichtspunkt ein anderer: der Mensch und die Welt verstehen sich als eine einzige große Wahrheit. Der Inder legt die größte Bedeutung auf die Harmonie, die zwischen dem Individuellen und dem Universellen existiert. Er ahnt, dass keine Kommunikation möglich ist mit den Dingen, die uns umgeben, wenn uns diese völlig fremd bleiben. Für Indien ist von Bedeutung, dass wir im Einklang mit der Natur sind; dass der Mensch denken kann, weil seine Gedanken im Einklang mit den Dingen sind, dass sich sein Denken letztendlich der Kräfte der Natur bedienen kann, weil seine Kraft im Einklang mit der universellen Kraft steht und langfristig seine Ziele sich nicht gegen diejenigen richtet, die die Natur sich gesteckt hat. (Rabindranath Tagore).

Die junge deutsche Künstlerin Kerstin Schaefer ist auf der ständigen Suche nach diesem unsichtbaren Faden, der wahrgenommen, von wenigen, das Individuelle und Universelle miteinander verbindet, Mensch und Natur im großen Tanz des Lebens und der Kunst. Jenseits von räumlichen und zeitlichen Schranken, zwischen der abendländischen und morgenländischen Kultur, wird ihre ganze bildnerische und nicht bildnerische Arbeit genährt von einem tiefen Gefühl der Freude, dieser Welt zuzugehören und als ein Universum anzusehen, bestehend aus Atomen und Gedanken, die alle Dinge in Bewegung bringen. Ich habe Kerstin Schaefer vor ungefähr einem Jahr in ihrem Atelier in Stuttgart getroffen. Der Raum ist brechend voll mit Arbeiten, Leinwänden, Tafelbildern, Gegenständen, Tee und Kekse in Buchstabenform. Sie bewegt sich mit einer Gewandtheit zwischen den Werken und mit den Werken wie in einem Tanz, der mit sowohl anmutigen wie auch entschlossenen Bewegungen, das eine und das andere zum Schwingen bringt. Ich stelle mir jetzt Kerstin vor, versunken in ihre Bilder, in dem Augenblick, in dem Körper, Seele und Geist sich vereinigen zu einer „losgelösten und göttlichen Kraft“, die jene Kreativität bedeutet. Ihre ganze tänzerische Ausdrucksfähigkeit wird auf der bildnerischen Unterlage freigesetzt, vorzugsweise auf der Leinwand, die besser ihrem Tanz standhält, der in Farbwellen transportiert wird. „Ein Werk von mir ist gut, wenn ich mich darin verliere“ erzählt sie mir und es ist genau diese Gefühl des Sich-Verlierens, das sich als eine extreme Befreiung versteht und als eine große Kraft aus ihren Werken spricht. Die Farbe verteilt sich in dicht und rasch aufgetragenen Pinselstrichen, die Leben in vibrierende Oberflächen bringen, in unterbrochenen Schichten aufgetragen, kaum skizziert, in einem scheinbaren Chaos, das aus derselben Harmonie entsteht, die die Wesen des Universums zusammenfügt.
Einem unaufmerksamen Blick mag die Malerei von Kerstin schreiend erscheinen, in Wirklichkeit ist sie freudvoller Gesang, vorgetragen mit lauter Stimme wie ein Mantra. In der Tat sind die Arbeiten der Künstlerin wie bei orientalischen Meditationspraktiken oft Konstellationen von kompletten Worten oder unvollständigen unartikulierten Buchstaben oder einfachen Abkürzungen, aber im Bild (wie ein Mantra im Klang) zusammengefügt, vermögen sie die das Universum stützenden energetischen Kanäle leichter frei zu machen. Besonders ein Werk „Hyäne“ aus dem Jahr 1999, das der Künstlerin besonders viel bedeutet, stellt die ererbte Kraft der Kunst dar, die fähig ist, die von Anfang her schlummernden Instinkte des Menschen wieder aufzuwecken. Die Hyäne symbolisiert in der Tat die raubierhafte ursprüngliche Verbindung mit der Natur, außerhalb von Schemata und Zwängen, von Käfigen und Regeln, in die dagegen der einer Hyäne ähnliche Hund eingezwängt ist. So ist auch in den Arbeiten von Kerstin ein starkes Empfinden für das Heilige zu beobachten, das jedoch außerhalb von Dogmen und innerhalb der weiten Maschen einer großen den Menschen mit dem Universum vereinigenden Spiritualität liegt.
Formen und Worte setzen sich nun scheinbar wahllos zu einer neuen Sprache zusammen, neu und gleichzeitig alt, verwurzelt in der Zeit wie eine heilige Schrift oder wie eine Hieroglyphe. Es entsteht hieraus ein sehr reiches Bildmaterial, was an der Grenze zwischen figürlicher und abstrakter Darstellung steht. Es ist durchzogen von einer enormen ausdruckstarken Vitalität und unterstützt von zahlreichen symbolischen Elementen wie zum Beispiel von anthropomorphen majestätischen Vögeln, wie der Ernstsche „Loplop“ (Adler, 2005) oder die rätselhaften Pferde mit der an Chagall erinnernden Aureole neben Tellern mit gekochten Kartoffeln (Quitten), die geradewegs einem Bild von Cezanne zu entstammen (Kuckuck 2007). Es ist ein andauernd strömender und nicht zu unterscheidender Zufluss von Heiligem und Profanem, von Alltäglichem und Universellem. Die Bilder von Kerstin wollen in Erstaunen versetzen (Wow, 2008), weil die Kunst und das Leben immer noch Staunen hervorrufen wollen, jenseits von städtischen Mauern, von denen Tagore spricht, die in uns jeglichen Instinkt ersticken und uns in eine sinnlose Routine verfallen lassen, während das Universum sich mit oder ohne uns weiterdreht. Wenn man vor einem Werk von Kerstin Schaefer steht, bedeutet dies also, Platz zu nehmen in der ersten Reihe eines Schauspiels, das eingebunden ist in ein Leben der Kunst und ein Leben, das intensiv für die Kunst lebt und das von der universellen Energie getragen der Liebe, die alles besiegt.

Valentina Di Miceli, Kuratorin und Kunsthistorikerin, Palermo 2012

Aus dem Italienischen wörtlich übertragen von
Magdalene Popp-Grilli, Stuttgart, 2015

Veröffentlicht in: Continente Sicilia 05/08.2012



http://kerstinschaefer.com/files/gimgs/th-42_Sonnendeck Interview 2017 Januar FUKS.jpg